Betonstadt Berlin ist eine fotografische Bestandsaufnahme des urbanen Raums. In der Tradition der New Topographics richtet sich der Blick nicht auf die bekannten Postkartenmotive, sondern auf die vom Menschen geformte Landschaft: sachlich, unaufgeregt und fokussiert auf die leisen Strukturen einer sich stetig wandelnden Metropole.

Fotografische Haltung & New Topographics
Berlin ist eine dankbare Stadt für Fotografie. Vielleicht sogar zu dankbar. Fernsehturm, Brandenburger Tor, Museumsinsel, Oberbaumbrücke, die Fassaden der Karl-Marx-Allee – Motive, die sich beinahe von selbst als Bilder anbieten. Selbst das vermeintlich Raue und Unfertige Berlins ist längst Teil einer etablierten Bildsprache.
Die New Topographics schlagen einen anderen Weg vor. Ihr Blick richtet sich auf Orte, an denen zunächst wenig nach einem klassischen Fotomotiv aussieht: eine Zufahrtsstraße, die Rückseite eines Wohnblocks, ein Parkplatz, Garagen, Gewerbebauten, eine Lärmschutzwand oder das Stück Grün zwischen Straße und Gebäude.
Nicht das Spektakuläre steht im Mittelpunkt, sondern die vom Menschen veränderte Landschaft.
Für Berlin ist dieser Blick nicht nur erstaunlich passend. Er hat hier auch eine eigene fotografische Geschichte.
Was sind New Topographics?
Der Begriff New Topographics geht auf die Ausstellung New Topographics: Photographs of a Man-Altered Landscape zurück, die 1975 im George Eastman House in Rochester im US-Bundesstaat New York gezeigt wurde. Kurator William Jenkins versammelte zehn fotografische Positionen, darunter Robert Adams, Lewis Baltz, Joe Deal, Frank Gohlke, Stephen Shore sowie Bernd und Hilla Becher.
Die Ausstellung gilt heute als wichtiger Einschnitt in der Geschichte der Landschaftsfotografie. Statt unberührter Natur zeigten die Fotografen Vorstädte, Straßen, Industrieanlagen, Neubauten und andere vom Menschen geprägte Räume. Das Museum of Modern Art beschreibt den gemeinsamen Ansatz als einen distanzierten Blick auf die gebaute beziehungsweise vom Menschen geschaffene Umwelt.
Damit veränderte sich auch die Frage, was überhaupt eine Landschaft sein kann.
Ein Parkplatz konnte Landschaft sein.
Eine Reihenhaussiedlung konnte Landschaft sein.
Ein Industriegebiet konnte mit derselben Aufmerksamkeit betrachtet werden wie ein Gebirge.
Die New Topographics ersetzten dabei nicht einfach das Schöne durch das Hässliche. Interessanter war ihre Weigerung, der traditionellen Hierarchie fotografischer Motive zu folgen.
Der nüchterne Blick der New Topographics
Viele dieser Fotografien wirken auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär. Die Kamera beobachtet eher, als dass sie dramatisiert. Menschen fehlen häufig oder werden zu kleinen Bestandteilen des Raums. Spektakuläres Licht ist nicht notwendig. Gebäude werden nicht automatisch zu Monumenten.
Besonders konsequent zeigt sich dieses Prinzip bei Bernd und Hilla Becher. Seit Ende der 1950er-Jahre fotografierten sie systematisch industrielle Bauwerke und stellten vergleichbare Konstruktionen später in Typologien zusammen.
Diese scheinbare Neutralität ist allerdings keine wirkliche Neutralität. Schon die Entscheidung, einen Wasserturm, eine Industriehalle oder eine banale Siedlung überhaupt fotografisch ernst zu nehmen, verändert unseren Blick auf den Ort.
Vielleicht lässt sich die Haltung deshalb besser als Zurückhaltung beschreiben. Das Bild sagt nicht: Schau, wie schön dieser Ort ist. Es sagt zunächst nur: Schau hin.
Michael Schmidt und die Werkstatt für Photographie
Der Zusammenhang zwischen den New Topographics und Berlin ist keineswegs nur eine nachträgliche Konstruktion.
Eine zentrale Rolle spielte der Berliner Fotograf Michael Schmidt. Er gründete 1976 an der Volkshochschule Kreuzberg die Werkstatt für Photographie, die sich zu einem wichtigen Ort für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Fotografie entwickelte. Die Berlinische Galerie beschreibt Schmidts Rolle ausdrücklich damit, dass er über die Werkstatt die New Topographics nach Deutschland brachte und damit einen Blick auf Stadtränder und scheinbar unspektakuläre Orte vermittelte.
Die Verbindung zu den amerikanischen Fotografen war dabei ganz konkret. Bereits Anfang 1978 zeigte die Werkstatt Arbeiten von Lewis Baltz, Joe Deal, Frank Gohlke und Stephen Shore sowie weiteren Fotografen. 1979 folgte eine Ausstellung mit Robert Adams, 1980 eine mit Stephen Shore und im selben Jahr Lewis Baltz mit seiner Serie Park City.
Berlin war damit früh ein Ort, an dem jene fotografische Haltung diskutiert und vermittelt wurde, die wenige Jahre zuvor in den USA unter dem Namen New Topographics sichtbar geworden war. Das ist für einen heutigen Blick auf Berlin entscheidend.
Denn es bedeutet: New Topographics in Berlin ist nicht einfach die Übertragung eines amerikanischen Stils auf eine deutsche Stadt. Es existiert eine eigene fotografische Verbindung.
Abseits der Sehenswürdigkeiten
Was passiert also, wenn man Berlin mit diesem Blick betrachtet?
Zunächst verschwinden viele der Motive, die normalerweise für die Stadt stehen. Der Fernsehturm verliert seine Sonderstellung. Das Brandenburger Tor spielt keine Rolle.
Stattdessen beginnt man, auf etwas anderes zu achten:
auf Straßenräume und Abstandsflächen, auf Wohnsiedlungen und Parkplätze, auf Gewerbebauten, Bahntrassen und Brachen, auf Zäune, Garagen, Baustellen und die Übergänge zwischen unterschiedlichen Formen der Stadtplanung.
Berlin eignet sich dafür besonders gut, weil die Stadt nicht aus einer einzigen städtebaulichen Idee besteht. Unterschiedliche Zeiten und Planungen liegen unmittelbar nebeneinander.
Doch der interessante Punkt ist nicht die Architekturgeschichte an sich. Interessant ist, was zwischen den Gebäuden passiert.
Die Zwischenräume werden zum Motiv
Klassische Architekturfotografie konzentriert sich häufig auf das Gebäude. Sie sucht eine Perspektive, aus der sich seine Form möglichst klar zeigt. Der Blick der New Topographics funktioniert anders. Ein Gebäude steht nicht allein.
Vor ihm befindet sich vielleicht ein Parkplatz. Daneben Müllcontainer. Dahinter wächst ungeplante Vegetation. Eine Straße durchschneidet das Gelände. Verkehrsschilder, Laternen und Zäune gehören genauso zum Raum wie die Architektur.
Gerade diese Dinge werden normalerweise aus einem Bild herauskomponiert. Hier bleiben sie darin. Aus einem Gebäude wird dadurch eine Landschaft.
Das lässt sich in Berlin an unzähligen Stellen beobachten: entlang großer Ausfallstraßen, zwischen Neubaugebieten und älteren Siedlungen, an den Rändern von Gewerbegebieten oder dort, wo Bahn, Straße und Wohnen unmittelbar aufeinandertreffen.
Nicht das einzelne Objekt erzählt die Geschichte, sondern seine Beziehung zur Umgebung.
Berlin an seinen Rändern
Dabei muss man für New Topographics nicht unbedingt bis an den Stadtrand fahren. Der Rand ist weniger eine geografische Lage als ein Zustand. Auch mitten in Berlin gibt es Rückseiten der Stadt: Lieferzufahrten, Parkdecks, Restflächen, Grundstücksgrenzen, Unterführungen, Bahntrassen oder jene eigentümlichen Flächen, für die offenbar niemand eine ästhetische Verantwortung übernommen hat.
Gerade dort verliert Berlin manchmal seine sofort erkennbare Identität. Ein Foto könnte ebenso gut in einer anderen europäischen Großstadt entstanden sein.
Das muss kein Mangel sein. Im Gegenteil. Die klassische Stadtfotografie lebt häufig davon, dass ein Ort eindeutig identifizierbar ist. Die New Topographics stellen eine andere Frage:
Wie formt der Mensch Landschaft?
Damit verändert sich auch die Art, Berlin zu fotografieren.
Der Ort selbst muss das Bild tragen.
Man kann nicht darauf warten, dass ein ungewöhnlicher Passant durch das Bild läuft. Es braucht keine Spiegelung in einer Pfütze und kein dramatisches Abendlicht, das aus einer gewöhnlichen Fassade plötzlich etwas Spektakuläres macht.
Ein bewölkter Berliner Nachmittag kann sogar ideal sein. Denn wenn Licht, Menschen und Ereignisse ihre Dominanz verlieren, treten andere Dinge hervor: Proportionen, Flächen, Abstände, Wiederholungen und die Beziehungen zwischen Architektur und Landschaft.
Plötzlich wird sichtbar, wie organisiert – oder merkwürdig unorganisiert – ein Ort tatsächlich ist.
Nicht Brutalismus fotografieren, sondern seine Umgebung
Beton und Nachkriegsmoderne haben längst eine eigene fotografische Ästhetik entwickelt. Gebäude werden frontal aufgenommen, starke Schatten betonen ihre geometrischen Formen, die Perspektive macht aus Architektur eine Skulptur.
Das kann hervorragende Architekturfotografie sein.
Der New-Topographics-Blick würde jedoch vielleicht ein paar Schritte zurückgehen.
Dann verschwindet die perfekte Fassade nicht, aber sie verliert ihre Exklusivität. Auf einmal gehören die Autos vor dem Gebäude ebenso zum Bild wie die Balkone. Ein Bauzaun durchschneidet die Komposition. Der Asphalt nimmt ein Drittel des Fotos ein. Ein paar kümmerliche Bäume stehen dort, wo die Stadtplanung sie vorgesehen hat. Das Gebäude wird nicht mehr isoliert und ästhetisiert. Es wird Teil einer Landschaft.
New Topographics sind mehr als eine Ästhetik des Banalen
Heute lassen sich die New Topographics leicht auf einen bestimmten Look reduzieren: Beton, Industrie, Parkplätze, grauer Himmel, menschenleere Straßen.
Damit würde man ihren Einfluss jedoch auf eine Stilvorlage verkleinern.
Interessanter ist die dahinterliegende Idee.
Es gibt keine Orte, die von Natur aus fotografierenswert sind – und andere, die es nicht sind.
Eine Landschaft muss nicht unberührt sein. Ein Gebäude muss nicht schön sein. Eine Berliner Straße muss weder historisch bedeutsam noch besonders „berlinerisch“ aussehen.
Man kann ihr trotzdem Aufmerksamkeit schenken. Genau darin liegt die bleibende Bedeutung der New Topographics. Mehr als fünfzig Jahre nach der Ausstellung von 1975 ist ihr Blick längst Teil der Fotografiegeschichte. Aber die grundlegende Frage ist noch immer aktuell.
Behind Betonstadt
Ich bin Mirko Karsch, Fotograf aus Berlin. Mein Schwerpunkt liegt auf der analogen Fotografie von Architektur, Betonbauten und den oft übersehenen Zwischenräumen unserer Umgebung. Auf betonstadtberlin suche ich nach den leisen, nüchternen Strukturen der vom Menschen geformten Landschaft – während ich mich auf streetwise.photography dem ungestellten, dynamischen Leben im öffentlichen Raum widme.